Autorenblog

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Invasive Schreibstile? Gibt es das?

Wenn es um die Entwicklung des eigenen Schreibstils geht, kriegen Autoren oft Tipps wie diese zu hören:

„Lies die Bücher, die andere geschrieben haben.“

„Schau, was andere Autoren machen und was dir daran gefällt.“

Die Ansicht, dass das Geschriebene anderer eine Art Werkzeug sein kann, um das Handwerk des Schreibens für sich selbst zu erschließen  ist weit verbreitet. Sie taucht immer wieder auf Schreibblogs, in Foren oder Ratgebern auf. Alleine beim Schreiben dieses Blogbeitrags bin ich auf mehreren Seiten darüber gestolpert ( Wie zum Beispiel hier, auf der Seite einer Schreibmentorin oder hier, auf dem Blog einer anderen Autorin).

Dass man Bücher nutzen kann, um an seinem eigenen Schreibstil zu feilen, scheint also weitgehend akzeptiert zu sein.  Aber funktioniert das auch unbewusst? Übernehmen wir beim Schreiben manchmal Elemente aus den Büchern, die wir gerade lesen? Basteln sie, ohne es zu merken, in unsere Manuskripte mit ein? Gibt es so etwas wie einen „Invasiven Schreibstil“, der von außerhalb in die Arbeit eingeschleppt wird, wenn auch nur vorübergehend?

Leider konnte ich zu diesem Thema weitaus weniger Meinungen finden und muss mich deswegen auf meine eigenen Erfahrungen beschränken. Und ich denke: Ja, der Schreibstil der Bücher, die ich lese, schwappt von Zeit zu Zeit in meine eigenen Arbeiten über.

Zum ersten Mal ist mir das vor einigen Jahren aufgefallen.  Ich hatte mir in der Schulbibliothek ein Buch ausgeliehen und mich bereits durch einen Großteil der Geschichte hindurch gegraben. Das Buch war nicht besonders gut. Die Sätze kamen mir plump vor und sagten mir nichts, ich fand es schwer, der Handlung zu folgen . Ich war, um ehrlich zu sein,  ziemlich froh als ich das Buch beendet hatte. Als ich mich danach an mein eigenes Manuskript setzte, bemerkte ich aber dass mir das Schreiben deutlich schwerer fiel: Ich rutschte immer wieder in die Ausdrucksweise des Buches ab, die mir so wenig gefallen hatte. 

Dieses Problem hielt sich zwar nur für einen Tag, aber es hat mich trotzdem zum Nachdenken gebracht.

Seit ich vermehrt Serien und Filme schaue ist mir außerdem aufgefallen, dass ich mir die Szenen meiner Bücher vermehrt visuell vorstelle. Ich muss mir dann wieder in Erinnerung rufen muss, dass Erzähltechniken für verschiedene Medien unterschiedlich funktionieren.  

Ich vermute dass das, was ich mir oft ansehe oder durchlese sich kurzeitig in mein Gedächtnis eingräbt und dann in später unbewusst abgerufen wird. Ähnlich funktioniert es ja auch, wenn wir uns an die Erzählmuster eines Genres gewöhnt haben und Teile der Handlung bereits erahnen können oder wenn wir häufig genutzte Formulierungen benutzen. Beispiele hierfür wären „Ein kalter Schauer lief ihr den Rücken hinunter“, wenn ein Charakter mit etwas Unheimlichen konfrontiert ist oder „Ihr Herz begann, wie wild zu klopfen“.

Wie bereits erwähnt, ich habe aber nur sehr wenige solcher Erfahrungen in Foren und anderen Seiten gefunden, weswegen mich eure Meinung interessiert. Gibt es so etwas wie einen „invasiven Schreibstil“? Habt ihr so etwas beim Schreiben schon einmal bemerkt?

Ich freue mich über Kommentare!

Habt ein schöne Zeit bis zum nächsten Mal! 🙂

 

 

 

Poetische Lückenfüller #10

Da die Welt ja ohnehin verrückt spielt, ist wohl nichts gegen einen poetischen Ausflug in die Dystopie einzuwenden, oder? Wie dem auch sei, hier ist er 😉

 

Winde peitschen um die Mauern,

peitschen stark und schnell,

sehen in Ecken Ratten kauern,

denn ein Blitz zuckt hell.

 

Zwischen schmutzigen Ruinen

sind die Straßen leer gefegt,

keiner singt mehr von „den Kühnen“,

weil sich kaum noch wer bewegt.

Hastig patschen durch die Pfützen

Füße, lebend, aber kalt,

die Augen unter dunklen Mützen:

Das Versteck gibt ihnen Halt.

 

Diese tote, alte Stadt

ist einmal ihr Heim gewesen,

bevor man sie erobert hat,

in Büchern ist davon zu lesen.

 

Ja, für diese jungen Geister

scheint die Welt von einst sehr fern.

Von oben herrscht ein neuer Meister

und Angst dient dem Besetzungsherrn.

 

Gegen diese fremden Mächte 

kamen Staaten nicht zum Zug,

Mut und Taktik, die Gefechte:

Bomben waren nicht genug.

 

Im Norden, Wüsten, Bergwaldland,

In Städten und der tiefen See

ist das Ackerland verbrannt

und die Spuren deckt der Schnee.

 

Doch im dunklen Kellerzimmer

haben Menschen sich verborgen.

Die Augen auf den Hoffnungsschimmer,

so kämpfen sie, für’s neue Morgen.

 

Um die nächste Ecke biegt

ein Trupp, der auf den Weltraum schwört.

Hör hin, die erste Kugel fliegt,

Weil unsre Erde ihm gehört.

 

In die Regenbogenpfützen

sickert langsam warmes Blut,

zurückgelassen von den Schützen,

für die es nichts zur Sache tut.

 

Doch im ersten Licht der Sonne,

das auf Wachsgesichter fällt,

kriecht aus einer Wassertonne

ein Jemand, der die Leichen hält.

 

Und mit drückend schwerem Schweigen

bringt man diese Freunde heim:

Sie sollen nicht im Freien bleiben, 

kein Futter für die Raben sein.

 

So lange Menschen Menschen bleiben,

und auch in einem bösen Jahr

sich nicht der Grausamkeit verschreiben,

so lange bleiben sie noch da.

 

Und wenn wenn sie nun mit leisem Gruß

die Toten in den Fluss entlassen,

stehen sie doch auf festem Fuß,

weil sie sich an den Händen fassen.

 

 

Schneller ans Ziel mit mehr Vorarbeit?

Erinnert ihr euch noch an den Beitrag, eine halbe Ewigkeit ist’s her, der einen ganz ähnlichen Titel trug? „Immer den bunten Linien nach: schneller ans Ziel mit mehr Vorarbeit?“ ?

Wenn ja, dann erinnert ihr euch vielleicht noch daran, dass ich darin eine neue Arbeitsmethode vorgestellt hatte. Diese Herangehensweise wollte ich ausprobieren und sehen, ob sie meine Fortschritte positiv beeinflussen würde. Ich hatte auch angekündigt, einen Folgebeitrag zu schrieben, sobald ich ein bisschen etwas zu meinen Erfahrungen damit zu sagen hatte. Nun, der heutige Beitrag ist dieser Beitrag. Wenn ihr euch also den Ersten noch einmal durchlesen wollt ist das kein Problem, ich verlinke ihn hier.

Wie funktioniert’s?

Zur Auffrischung: Die Idee hinter dieser Methodik war, die Geschichte genauer durchzuplanen, bevor es ans Schreiben geht. Ich hatte damit begonnen, Zeitleisten mit den verschiedenen Handlungssträngen zu zeichnen, um genau zu sehen, in welchen zeitlichen Zusammenhang die wichtigen Ereignisse zueinander stehen. Dann schrieb ich detaillierte Beschreibungen der einzelnen Kapitel und Szenen, um schon im Voraus zu wissen, was genau passieren sollte. Die Hoffnung war, dass mir das beim Schreiben später Zeit sparen könnte.

Was hat sich seit dem geändert?

Das Wichtigste zuerst: Selbst der strengste Kapitelplan kann mich nicht vom Improvisieren abhalten. Das habe ich gelernt. Im Plan steht etwas von einer lockeren Atmosphäre und Entspannung für die Charaktere? Ein bedrücktes Beisammensein gefällt mir gerade aber besser. Ich habe dieses kleine Stück Handlung vergessen? Egal, funktioniert auch so.

Die Geschichte funktioniert immer noch dynamisch und hat ihren eigenen Willen.  Das ist gut so. Manchmal führt eine ausformulierte Szene nun einmal in eine Richtung, die man in den Stichpunkten noch nicht erahnen konnte. Etwas Nachbesserung hat da noch niemandem geschadet, eher im Gegenteil. 

Eine Auswirkung der Methode ist allerdings auch, dass ich noch stärker auf mein Notizbuch abgewiesen bin. Ich habe teilweise über zwei Seiten Notizen für nur ein Kapitel. Das kann ich mir nicht alles merken. Wo immer ich beschließe, zu arbeiten, muss ich auch das Notizbuch griffbereit haben, um nichts wichtiges zu vergessen.

Haben sich die Hoffnungen erfüllt?

Wie man es nimmt. Schreibe ich schneller? Nein, ich denke nicht. Es kommt immer noch vor, dass ich bei langsamen Szenen oder Übergängen ins Schwimmen gerate und nicht so recht weiß, womit ich diese Lücken füllen soll. Nach wie vor frisst diese Unschlüssigkeit Zeit. Hinzukommt, dass die Vorbereitung ziemlich zeitintensiv ist. Einer der Gründe, aus denen dieser Blogbeitrag erst so spät erscheint, ist, dass es mich Monate gekostet hat, meine Zeitleisten und Pläne zu schreiben.

Ein Reinfall also? Wieder nein. Mein Schreibtempo hat sich zwar nicht verbessert, aber dafür meine ich, einen Anstieg an Qualität zu beobachten. Ich habe dank der Vorbereitung ein besseres Verständnis dafür, In welche Richtung sich einzelne Handlungsstränge und Charakterentwicklungen bewegen. Ich habe das Ziel vor Augen. Plotholes und unnütze Szenen fallen schneller auf und können beseitigt werden, bevor viel Arbeit in sie investiert wurde. Ich kann die einzelnen Elemente besser koordinieren und aufeinander abstimmen.

Als kleiner Bonus habe ich so auch die Möglichkeit, Kampfszenen, die mir sonst große Schwierigkeiten bereiten, genauer zu choreographieren. 

Ich habe noch nicht sonderlich viel mit meiner neuen Methode geschafft, erst ein paar Kapitel. Zumindest bei meiner Wattpadgeschichte „Batsong“ bin ich allerdings echt begeistert davon, wie viel besser das Schreiben so geklappt hat.

Ich schreibe vielleicht nicht schneller, aber dafür, denke ich, besser. Und das ist mindestens genauso viel Wert, wenn nicht mehr.

Meine neue Methode behalte ich also erst einmal bei – so lange, bis mir etwas neues Einfällt 😉

Bis dahin: Habt eine schöne Zeit, und bis zum nächsten Mal!

Meine Notizbücher im Laufe der Zeit

Wenn ich schreibe, brauche ich nicht viel dazu: Einen Stift, Papier, wenn es an den Feinschliff geht, einen Laptop. Aber neben diesen offensichtlichen Dingen gibt es ein weiteres Werkzeug, das unerlässlich ist: Meine Notizbücher.

Über die Jahre habe ich ungefähr vier bis fünf von ihnen gefüllt. Sie haben mich durch einiges an Schreibarbeit und Projekten begleitet, in einer Zeit, wohlgemerkt, in der ich selber ziemlich gewachsen bin. Als ich mein erstes Notizbuch bekam, war ich zwölf, seitdem ist viel passiert. Ungefähr sechs Schuljahre zum Beispiel, oder meine erste Veröffentlichung.

Natürlich hat sich über die Jahre auch meine Art zu Arbeiten, mein Schreibstil und meine Herangehensweise geändert. Wie viel von diesem Wandel hat sich in meinen Notizen niedergeschlagen? Um das herauszufinden, habe ich die alten Bücher noch einmal durchgeblättert und mich auf eine kleine Zeitreise begeben:

Mein erstes Notizbuch war ein billiges kleines Heftchen, dass ich auf einem Geburtstag gewonnen hatte. Es ist zerknickt, hat einiges mitgemacht und auch der Inhalt ist mitunter schwer zu entziffern. Die ersten Seiten sind vor allem mit einem gefüllt:  Listen mit Geschichten, die ich irgendeinmal schreiben wollte. Je weiter man im Buch vorankommt, desto mehr werden diese kleinen Story-Pitches von Gedichten und tatsächlicher Planungsarbeit, das heißt Zeichnungen meiner fantastischen Welten oder Notizen zum Plot meiner damals aktuellen Arbeit, abgelöst. Es finden sich aber auch vermehrt Dinge, die rein gar nichts mit dem Schreiben zu tun haben. Mein kleines Brainstorming zur Gestaltung eines Geburtstagskuchens gehört dazu sowie eine Sammlung althochdeutscher Wörter. Ich hatte sie einfach so, aus Interesse aufgeschrieben. Ein sehr interessantes Detail ist auch, dass sich im letzten Teil des Notizbuches langsam auch  die englische Sprache in meine Gedichtsammlung schleicht.

Ein Trend, der sich im nächsten Notizbuch fortsetzt. Anders als im Ersten bin ich hier schon um einiges strukturierter vorgegangen. Anstatt bloß Ideen zu notieren habe ich Figuren in kurzen Texten genauer charakterisiert und mir Notizen zu Recherchen aufgeschrieben. Es enthält sogar schon eine grobe Ausformulierung des Plots meiner aktuellen Geschichte. Daneben stehen Links zu Schreibwettbewerben , die mich interessiert haben oder sogar Gedichte, die als Beiträge gedacht waren. Ich hatte sogar schon angefangen, mir Tipps für das Marketing der eigenen Bücher herauszuschreiben. Abgesehen davon gibt es natürlich auch weiterhin  Gedichte, die ich in Ruhe und zum Spaß geschrieben habe, genau wie auch im dritten Notizbuch.

Hier tritt aber der Gebrauch des Englischen und, vor allem zum Ende hin, das Plotten von Geschichten noch deutlich mehr zu Tage. Viele Geschichten, an denen ich im Augenblick noch arbeite, sind hier intensiv geplant. Das meiste ist also noch ziemlich frisch. Klappentext und Autorenvita zu „Die Inse der drei Völker sind hier zu finden. Auch sonst steckte ich deutlich mehr Arbeit in die Vorbereitung des Schreibens, auch in die Planung von Blogbeiträgen. Dazwischen sind Seiten verstreut, auf denen ich mich auf meine mündliche Abiturprüfung vorbereitet habe oder Einkaufslisten vermerkt wurden. Viele verschiedene Dinge fliegen da durcheinander.

In meinem aktuellen Notizbuch sieht die Sache hingegen anders aus. Es ist beinahe ausschließlich mit, für meine Verhältnisse, ausführlichen Kapitelplänen und Zeitleisten gefüllt. Sie sind Teil einer Methode, die ich sie seit einiger Zeit zum Plotten benutze (den entsprechenden Blogbeitrag gibt es hier). Die einzige Ausnahme ist die Vorbereitung einer Bastelstunde, die ich im November auf meiner Arbeitsstelle anleiten wollte.

Die deutlichste Entwicklung in diesen Büchern ist ein Wandel vom spontanen Schreiben hin zur Methodik. Der Anfang sind eindeutig Spielereien, plötzliche Ideen, die irgendwo abgelegt werden müssen. Es ist ein, wie ich finde, wunderschönes Durcheinander von Kreativitätsschüben, Langeweile und, manchmal, schlechten Tagen. Langsam, Schritt für Schritt, sind meine Notizen dann zu einer Art Arbeitsplatz geworden: Die Ziele lauten Effektivität und Produktivität. 

Aber beim Rückblick auf meine Notizbücher zählt nicht nur der Inhalt: Sie haben für mich auch einen emotionalen Wert, eben weil ich sie so oft so lange mit mir herum getragen habe.

Die einzelnen Gedichte reichen aus, um mich sofort wieder in den Augenblick ihrer Entstehung zurückzuversetzen. Auch,  wenn ich sie eigentlich schon vergessen hatte, sind die Bilder wieder da. Die Themen dieser Texte natürlich auch sehr persönlich, was sicher dazu beiträgt. Schreiben war für mich schließlich die einfachste Art, mich im Stillen mit mir selbst oder meinen Problemen auseinander zu setzten. Ich bin über ein paar alte Zeilen  gestolpert, bei denen ich mich fast erschrocken habe, so traurig klangen sie. Diese Bücher sind mit mir wirklich durch alle Höhen und Tiefen gegangen.

Ich habe es bis heute nicht über’s Herz gebracht, mein erstes Notizbuch in mein Regal zu stellen. Es liegt immer noch auf meinem Nachttisch, obwohl ich es schon lange nicht mehr für nächtliche Einfälle brauche. Ich wollte es wohl einfach dicht bei mir behalten.

Interessant ist aber, dass ich dieses Problem mit den anderen beiden Notizbüchern nicht hatte. Ja, sie sind mir auch sehr wichtig, aber ich hänge lange nicht so sehr an ihnen wie an diesem ersten.

Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich heute älter bin, aber ich denke auch, dass der verschobene Fokus der Notizbücher seinen Teil dazu beiträgt. Wie oben schon gezeigt: Mittlerweile ist es viel weniger „Ich“ und umso mehr „Arbeit möglichst gut machen“.

Das ist gut so. Aber gleichzeitig auch nicht. Denn Schreiben muss, ohne Frage, erwachsen werden und kann nicht immer Kindergekritzel bleiben. Aber ich finde den Gedanken schade, das spontane und emotionale daran zu verlieren – was passieren kann, wenn man sich zu sehr auf seine Deadlines und Pläne einschießt

Was ich aus meinem Rückblick mitnehme, ist, dass ich beim Schreiben große Fortschritte gemacht habe und stolz darauf sein kann. Vielleicht  sollte ich es aber nicht immer zu ernst nehmen. Produktivität und Fortschritt? Klasse! Aber es sollte auch okay sein, mit ein paar Reimen herumzuspielen oder aus einer Laune heraus einen kleinen Text zusammenzubasteln. Es muss nicht alles der To-Do Liste entsprechen.

Benutzt ihr Notizbücher, um eure Ideen festzuhalten und eure Geschichten zu planen? Wenn ja, hängt ihr genauso an den alten wie ich und habt sie noch bei euch herumstehen? Ich würde mich freuen, eure Schreib-Geschichten zu hören!

Habt eine schöne Zeit bis zum nächsten Blogbeitrag! 🙂

Poetische Lückenfüller #9

Wörter puzzeln, Wörter drehen,

bis sie Künstlern ähnlich sehen,

Wörter basteln, neu erfinden,

ohne dass sie dabei schwinden

Dichten, sagt man, dass ist schwer –

und ich glaub`es immer mehr.

 

Sehe fremde Zungen tanzen,

sehe andre Geister denken

wenn sie, ohne Firlefanzen,

Reim um Reim um Reim ausschenken.

Fühle, meine Fingerkuppen

sind zu taub, um so zu schaffen,

trotz dem, dass sie sich bei jedem

kleinen Funken Licht aufraffen.

 

Fühle, so wie diese schreiben, diese Sätze, dieser Takt

diese Kraft, mit der es einen

sonst nur bei großen Wellen packt,

kann ich nicht dichten, auch nicht schreiben,

kann nur mit meinen blassen Farben

an  einer Mischmaschine bleiben.

 

Aber Wörter, Wörter hab`ich,

Wörter habe ich zu Hauf

und so lange, wie sie bleiben, 

schreibe ich sie weiter auf.

Schreib für mich und schreib für`s Schreiben,

schreib für jeden, dem`s gefällt,

denn es gibt zu viele Dichter,

doch auch eine große Welt.

Mit der Zeit, da findet Tinte

eine Form, die zu ihr passt,

keine Angst, es wird sich fügen,

wenn ihr sie nur fließen lasst.

 

So, da bin ich wieder! Nur kurz, aber besser als nichts. Viel Spaß mit diesem kurzen Gedicht, und eine schöne Zeit!

Ankündigung

Nach einigen Wochen offline melde ich mich dann auch wieder zurück. Den Beitrag diese Woche möchte ich gerne nutzen, um ein paar Änderungen anzukündigen.

Es ist ein trauriger Fakt, dass ein Tag nur 24 Stunden hat – was bedeutet, dass die Zeit, die uns allen tagtäglich zur Verfügung steht, ist ziemlich begrenzt ist. Mir ist in den letzten Monaten aufgefallen, dass ich Schwierigkeiten habe, all die Dinge, die ich mir vornehme in dieser begrenzten Zeit zu erledigen. Wohl oder übel bedeutet das, dass ich in einigen Bereichen etwas zurücktreten muss. Das betrifft leider auch diesen Blog.

Versteht mich nicht falsch: Unter keinen Umständen bedeutet das, dass ich nichts mehr hochladen werde. Die Beiträge werden allerdings nicht mehr regelmäßig kommen, wie bisher, und mit großer Wahrscheinlichkeit werden die Abstände zwischen den Uploads sich vergrößern. Vielleicht sogar sehr.

In den letzten zwei Jahren habe ich mir alle Mühe gegeben, einmal die Woche einen Beitrag zu schreiben, sofern es irgend möglich war, aber von jetzt an werde ich das nur noch tun, wenn ich genügend Zeit habe.

Obwohl es sicherlich eine Erleichterung sein wird, etwas mehr Luft für meine restliche Schreibarbeit, meinen Freiwilligendienst und mich selbst zu haben, muss ich sagen, dass die Entscheidung ein bisschen weh tut. Egal wie anstrengend es sein kann, sich jede Woche einen neuen Beitrag aus den Fingern zu saugen, es hat mir viel Spaß gemacht und es hat mir wirklich dabei geholfen, mich an selbstgeplante Deadlines und selbstverwaltete Arbeit zu gewöhnen. Es fühlt sich außerdem komisch an wenn man etwas, in das man so viel Arbeit gesteckt hat, so zur Seite schiebt.

Ich hoffe einfach, dass ich noch oft dazu kommen werde, meinem Blog wieder einen Besuch abzustatten – und dass ein paar von euch vielleicht weiterhin vorbeischauen.

Ich bin dann mal wieder weg und schreibe am meinem Buch, aber ich komme wieder ;).

Bis dahin, eine schöne Zeit!

Warum ich „Reckless – Steinernes Fleisch“ von Cornelia Funke liebe

Manchmal kommt es vor, dass man bei all dem Schreiben ganz das Lesen vergisst. Ziemlich Schade, wie ich finde. Deswegen nehme ich mir ab jetzt hin und wieder die Zeit, ein altes Buch aus dem Regal zu kramen und einen Blogbeitrag darüber zu verfassen. Was macht dieses Buch aus? Und warum habe ich es so gerne gelesen? Darum soll es in dieser Reihe gehen. Den Anfang macht, wie der Titel verrät, Cornelia Funkes „Reckless“-Reihe. Ich habe Spoiler vermieden, wenn ihr was das angeht aber sehr empfindlich seid, solltet ihr vielleicht zuerst das Buch lesen.

 

Worum geht es?

Hatte ich nicht neulich noch über Märchen gesprochen? Tja, in diesem Buch erwachen sie alle zum Leben, wenn auch anders, als man es sich vielleicht vorstellt: Als Jacob Reckless den mysteriösen Spiegel im Arbeitszimmer seines Vaters entdeckt, öffnet sich ihm eine neue Welt. Das ist wortwörtlich gemeint, denn der Spiegel entpuppt sich als Portal in eine andere Realität, in der Märchengestalten genauso alltäglich und real sind wie der Sonnenaufgang. Zwölf Jahre später hat er diese Welt zu seinem zweiten Zuhause und sich selbst einen Namen als begnadeter Schatzjäger gemacht. Ein Rapunzelhaar, ein Tischlein-deck-dich, alles kein Problem. Jacob Reckless kann es finden. Doch dann folgt sein Bruder Will ihm hinter den Spiegel und fällt einem gefährlichem Fluch zum Opfer. Was folgt ist ein Rennen gegen die Zeit, das Jacob nur sehr ungern verlieren würde…

Worldbuilding

„Was willst du hier?“, flüsterte die fremde Nacht ihr zu, „welche Haut soll ich dir geben? Willst du Fell? Willst du Stein?“

Cornelia Funke, „Reckless – Steinernes Fleisch“

Ich glaube, ich habe selten so viele Sagen und Erzählungen so nahtlos in eine gemeinsame Geschichte einfließen sehen. Die bekanntesten Märchen der Grimms sind alle irgendwo in die Kulisse der Spiegelwelt eingepinselt, auf herrlich unaufdringliche Art. Dabei schwingt dem Ganzen auch ein Gefühl der Entzauberung mit: Ja, Märchen sind real. Und sie sind ziemlich bedrohlich, dreckig und angsteinflößend, wenn man nicht mit ihnen umzugehen weiß. Am Rande der Geschichte landen Jacob und seine Begleiter in einem mit Rosen zugewucherten Schloss. Doch der Prinz ist dort wohl nie angekommen: Die Prinzessin samt Gefolge sind mittlerweile nahezu mumifiziert. Ungefähr die Hälfte der Wesen am Wegesrand hat es auf Leib und Leben der Protagonisten abgesehen, und die Adeligen intrigieren hinter dem Spiegel genauso wie in den Geschichtsbüchern.

Obwohl so viele Märchen und Legenden im Hintergrund präsent sind, gelingt es, eine vollkommen eigenständige Geschichte zu erzählen. Die alten Sagen sind nur das Bühnenbild, vor dem die Brüder reiten, oder, viel mehr noch, das Werkzeug in Jacobs Tasche.

Es gibt auch einige Elemente, die nicht aus Märchen entnommen wurden. Die gefürchteten Goyl, die sehr wichtig für den Verlauf der Geschichte sind, existieren zum Beispiel nur in diesem Buch.

Was ich persönlich immer sehr gerne an dem Buch mochte, waren die kleinen Spielereien in der Namensgebung. Das fängt schon bei Will und Jacob Reckless selbst an: Es wird wohl kaum ein Zufall sein, dass so viele der Geschöpfe, denen sie begegnen, von ihren Namensvettern Jakob und Wilhelm Grimm zu Papier gebracht wurden.

Im Vergleich dazu hat es wirklich viel zu lange gedauert, bis mir auffiel dass Ähnliches auch mit den Namen der Länder hinter dem Spiegel passiert war. Hier wird allerdings mit den Namen realer Länder gespielt: Das Land, in dem Jacob sich aufhält, trägt beispielsweise den Namen „Austrien“ und wir von der Hauptstadt „Vena“ aus regiert. Klingelt da etwas?

In den späteren Bänden werden übrigens auch die Sagenwelten anderer Länder erkundet, auf ähnliche Weise.

Charaktere

(…) in dieser Welt gab es für alles eine Medizin. Er musste sie nur finden.

Cornelia Funke, „Reckless – Steinernes Fleisch“

Die Charaktere sind ohne Zweifel das Beste an diesem Buch. Jacob Reckless gehört wohl zu den wenigen Fantasyprotagonisten, die den Konflikten ihrer Welt neutral gegenüber stehen. Er verfolgt tatsächlich nur seine eigenen Interessen. Dabei erweckt er allerdings nie den Eindruck von Selbstsucht oder Egoismus, ganz im Gegenteil: Jacob versucht nach Leibeskräften, seinen Bruder und seine Beglieterin Fuchsnzu schützen. Er ist nicht perfekt, sicher, immerhin hat sein Drang, seiner Heimatwelt zu entfliehen, ihn immer weiter von seiner Familie entfernt, aber es macht Spaß, ihn bei seiner Suche zu begleiten. Für Jacob scheint nichts wirklich unmöglich. Er muss nur der richtigen Legende folgen, um irgendeinen Zauber oder Gegenstand in die Hände zu bekommen, der das Problem für ihn beseitigt. Das klappt nicht immer so richtig, aber in den meisten Fällen verschafft es ihm zumindest mehr Zeit.

Diese Neutralität des Protagonisten bringt den Leser in eine ziemlich seltene Situation. In der Welt hinter dem Spiegel herrscht Krieg, die Goyl  gegen die Menschen. Es ist in der Geschichte ziemlich präsent, aber dadurch, dass der Protagonist keine Stellung bezieht, müssen wir das auch nicht. Das Buch erwartet von uns nicht, dass wir eine der Seiten als „Gut“ oder „Böse“ ansehen, und so können wir sowohl mit dem starken Goylkönig Kami`en, den die Menschenwelt fasziniert, als auch mit der berechnenden Kaiserin Therese von Austrien sympathisieren. Wir können es aber auch bleiben lassen.

Auch die anderen Charaktere haben ihr Päckchen zu tragen. Fuchs, die Gestaltenwandlerin mit der schweren Kindheit, deren geliebtes Fell ihr langsam die Lebenszeit raubt, oder Clara, die Krankenschwester, die sich auf der Suche nach ihrem Freund in diese Märchenwelt verirrt hat, und sich jetzt wohl oder übel mit ihren Schrecken anfinden muss. Will, der sanftere der Brüder, verliert sich langsam in dem Stein, den der Fluch einer Fee in seiner Haut wachsen lässt. Die Beziehungen zwischen den Protagonisten ist sehr glaubhaft und sehr schön illustriert, auch ihre persönlichen Sorgen und Nöte kommen immer wieder gut zum Vorschein, ohne zu penetrant zu wirken.

Das Buch bringt es irgendwie fertig, dass man sogar den verschlagenen Zwerg ins Herz schließt, der seine Auftritte nur damit verbringt, Jacob und die anderen (vielleicht) über den Tisch zu ziehen, und der eigentlich nur hinter Jacobs Goldbaum her ist. 

Schreibstil

Und er hörte wieder den Felsen zu. Ließ sie Bilder malen. Und zu Stein machen, was weich in ihm war.

Cornelia Funke, „Reckless – steinernes Fleisch“

Kann mir irgendjemand erklären, wie man die Innere Handlung der Figuren so fließend mit einer Umgebungsbeschreibung verweben kann? Ich habe nämlich keine Ahnung, wie die Autorin das hinbekommen hat. Das einzige,was ich weiß, ist, dass ich mir nur selten so sehr wünsche, Malen oder Zeichnen zu können, wie wenn ich dieses Buch lese. Es gibt einfach so viele Szenen, die direkt als bunte Bilder in meinem Kopf auftauchen, und das ist wirklich unglaublich.  

Viele der Verwandlungen, die verschiedene Charaktere durchlaufen, funktionieren auf zwei Ebenen. Fuchs zieht ihre Tiergestalt ihrer tatsächlichen vor, weil sie die Menschenhaut mit Verletzlichkeit verbindet, und während sowohl Wills Äußeres als auch sein Inneres langsam versteinert, spült es alte Vorwürfe an den abwesenden Bruder nach oben, die der verständnisvolle Jüngere wohl selbst nicht wahrhaben wollte.

Ich könnte vermutlich noch seitenlang weiter über dieses Buch schreiben, aber der Blogbeitrag muss an dieser Stelle dann doch ein Ende finden. Ich hoffe, ihr konntet mit diesem Format etwas anfangen. Es ist etwas, das ich von jetzt an gerne öfter machen würde.

Welche Bücher sind für euch auch nach Jahren noch echte Lieblinge? Lasst es mich ruhig wissen!

Zu guter letzt noch eine Ankündigung: Ich werde hier vermutlich in den nächsten zwei Monaten nichts mehr hochladen. Das ist also für eine Weile der letzte Beitrag. Aber danach bin ich wieder da!

Bis dann, und habt eine schöne Zeit!

Lesung im Dorftreff – Ein Rückblick

Wie vor ein paar Wochen angekündigt, bin ich am 13. Februar mit meinem Buch  im Riester Dorftreff zu Besuch gewesen. Am letzten Donnerstag durfte ich meine Arbeit und mich im Rahmen des sogenannten „1. Riester Abendessens“ ein bisschen vorstellen. Ein paar Auszüge vorlesen konnte ich auch.

Es ist ein wirklich schöner Abend gewesen, wie ich finde. Der Tisch in der „Riesterei“, wie es so schön am Fenster steht, war gut gefüllt, und es hat eine wirklich nette Atmosphäre geherrscht. Auf dem Tagesplan standen zwei Programmpunkte: Einmal das besagte Abendessen und, nun ja, ich. 

Ich muss schon sagen, dass ich recht nervös war, als ich mich zuhause auf den Weg machte. Die Veranstaltung war nämlich gleich in doppelter Hinsicht eine Premiere: Es war das erste Mal, dass ich wirklich vor einer kleinen Menschengruppe etwas aus meinem Buch vorgelesen habe. Bisher hatte ich das nur auf Video gemacht.(Obligatorischer Verweis auf den Blogbeitrag mit der Videolesung). Zusätzlich dazu war es aber auch das erste Mal, dass im Dorftreff das Format des „Riester Abendessens“ durchgeführt wurde. Leider bedeutete das auch, dass ich nicht viel über den Ablauf wusste. Es war ein erstes Mal für alle Beteiligten.

Trotzdem hatte ich mir vollkommen grundlos Sorgen gemacht. Es ist ein nettes Beisammensein geworden, und meine Nervosität hat sich auch bei den ersten Sätzen ziemlich schnell in den Feierabend verabschiedet. Ich hatte meinen Part mit Absicht nicht als Vortrag gestaltet. Stattdessen hatte ich mir eine grobe Struktur überlegt und dann einfach frei erzählt. Ich bin ja sowieso jemand, der immer gerne alte Anekdoten aufwärmt, und so habe ich auf jeden Fall meinen Spaß gehabt. Auch von den Besuchern sind jede Menge gute Fragen zurückgekommen, auf die ich gut eingehen konnte. Letztendlich haben sogar meine Kritzeleien aus der Anfangsphase meines Buches noch einen sinnvollen Zweck erhalten: Als Anschauungsmaterial.

Ich bin wirklich froh, dass ich diese Veranstaltung mitgemacht habe und dankbar, dass ich da sein durfte.

 

Danken möchte ich auch der guten Freundin, die als moralische Unterstützung dazugestoßen ist und mich im Anschluss auf der Suche nach guten Lichtverhältnissen durch den halben Raum gehetzt hat. Erfolglos .

Danke!

Auch an alle anderen, für`s Lesen und/oder Zuhören. 

Eine schöne Woche euch allen!

 

Märchen – Mehr als „Happy ever after“?

Märchen. Jeder kennt sie, jeder hat von ihnen schon gehört. Wenn wir von ihnen reden, meinen wir alte Überlieferungen und Kindergeschichten. Viele denken an Ritter und Prinzessinnen. Dabei haben Märchen auch etwas seltsames an sich: Sie scheinen nie so ganz das zu sein, was sie sein sollten. Wir haben ein Bild von Ballkleidern und „Happy ends“ im Kopf, dabei sind viele von ihnen schon in den ersten Zeilen recht düster. In fast jeder Märchenverfilmung reitet ein Krieger in rasselnder Rüstung durch die Kulissen, dabei wurden diese Geschichten zu Zeiten aufgeschrieben und gesammelt, die eher von Napoleon und scheiternden Revolutionsversuchen in ganz Europa geprägt waren.

Märchen folgen nicht der Realität, weder der ihrer Verfasser, noch der unseren. Trotzdem wurzeln sie in den Dingen, die uns beschäftigen. Ist es also ein Wunder, das wir bis heute nicht von ihnen losgekommen sind? Denn was sind all unsere Adaptionen und Neuerzählungen anderes als das stetige Umstricken des alten Stoffes, der das Genre „Märchen“ erst ausmacht?

Hinter Märchen kann so viel mehr stecken als nur ein Märchen. Deswegen habe ich mir mal ein paar aus der Schublade gesucht und durchgelesen. Was ich gefunden habe? Das hier!

Wiederkehrende Geschichten

Märchen sind oft Variationen von einander. Sie werden schließlich von verschiedenen Menschen in verschiedenen Gegenden unterschiedlich weiter erzählt wurden. Aber auch unabhängig davon gibt es einige Handlungselemente, die oft vorkommen. Ein paar habe ich gesammelt.

„Redemption Arcs“ – von dem Karma kein Entkommen

Mir ist es früher nie aufgefallen, aber in erstaunlich vielen Märchen lässt sich der Hauptcharakter etwas zu Schulde kommen. Im weiteren Verlauf  muss er dann dafür gerade stehen. Es geht darum, dass er seine Lektion lernen.

In dem Märchen „Marienkind“, dass zur Sammlung der Grimms gehört, missachtet das Mädchen einen Befehl der heiligen Maria. Danach lügt sie, um es zu verbergen. Die gesamte weitere Handlung verläuft entlang ihrer Bestrafung – sie wird verstoßen und ihrer Stimme beraubt -und ihren wiederholten Chancen, das Vergehen wiedergutzumachen. Sie bräuchte ihren Fehltritt nur zugeben. Chancen die sie, Mal um Mal, vertut. Erst, als sie fälschlicherweise eines anderen Verbrechens angeklagt wird, wogegen sie sich als Stumme nicht verteidigen kann, ändert sich das. Sie findet sich vor dem Scheiterhaufen wieder und besinnt sie sich eines Besseren. Sie gesteht, bekommt ihre Stimme zurück und kann ihre Unschuld im zweiten Fall bezeugen.

Das Märchen vom König Drosselbart folgt einem ähnlichem Schema: Eine junge Prinzessin macht sich über jeden, der um ihre Hand anhält, derart gehässig lustig, dass sie alles und jeden verscheucht. Ihr Vater droht schließlich, sie mit dem nächsten umherziehenden Bettler zu verheiraten. Eine Drohung, die er wahr macht. Die Prinzessin ist gezwungen, in einfachen Verhältnissen zu leben und ihre hochnäsige Art fallen zu lassen. Als sie beginnt, sich mit den Entbehrungen im einfachen Leben abzufinden, gibt sich ihr Gatte als einer der früheren Interessenten und wohlhabender König zu erkennen und nimmt sie mit auf sein Schloss.

Von ganz Unten nach ganz Oben

Wer liebt sie nicht, die Geschichten, in denen diejenigen den Sieg davontragen, die der Logik nach im Nachteil sind? Das bekannteste Märchen mit diesem Muster ist wohl „Aschenputtel“. Die unterdrückte und ausgenutzte Stieftochter macht eine gute Partie und steht am Ende vor einem besseren Leben.

Aber auch in den häufigen Brüderkonstellationen, ist es immer der Jüngste, der „Dümmste“ oder Verlachteste, der den großen Gewinn absahnt. Der jüngste Müllerssohn bekommt den sprechenden Kater, der ihm zu einem Königreich verhilft, der „Dummling“ teilt sein Essen im Wald mit dem alten Männchen und bekommt als Dank den Weg zur goldenen Gans gewiesen.

Die Benachteiligten sind einfach die natürlichen Sympathieträger. Wir Menschen sehen es gerne, wenn sie gewinnen. Wir können uns in den meisten Fällen auf die eine oder andere Weise mit ihnen identifizieren. Deswegen fühlt ihr Erfolg sich dann so an, als könnten wir auch Erfolg haben. Wir wissen, dass es unrealistisch ist, aber in Märchen geht es dann. In Zeiten, in denen die allgemeine Bevölkerung es aufgrund von wirtschaftlichen oder politischen Verhältnissen schwer hatte, ist dieser Punkt nur noch relevanter.

Geschwister

Da wir gerade beim Thema sind: Geschwister. Derartige Beziehungen tauchen auffällig oft auf. 

In Märchen wie „Die zwölf Brüder“ oder „Die zwölf Schwäne“ ist es jeweils so, dass zwölf ältere Brüder aufgrund eines Zaubers oder Fluches in Vögel verwandelt wurden. Die jüngste Schwester muss diesen Fluch dann brechen, in diesen beiden Fällen durch ein Schweigegelübde. Dies kostet sie beinahe das Leben. In „Die zwölf Brüder“ leistet die Tochter so auch gleichzeitig Wiedergutmachung für einen Fehler des Vaters. Der Fluch ist wie ein Makel auf der Familie, wenn auch aus verschiedenen Ursachen. Die Hoffnung der Älteren ruht dann auf dem jüngsten Mitglied, das als Einzige nicht betroffen ist und somit an der Lösung arbeiten kann.

Ähnlich ist es in dem Märchen vom „Brüderchen und Schwesterchen“, in dem der Bruder von der Stiefmutter in ein Reh verwandelt wird. Die Schwester muss von da an auf ihn aufpassen. In diesem Märschen steht aber eher etwas anderes im Vordergrund, und das ist die Verbundenheit der beiden Geschwister. Sie halten zusammen, selbst als sie vor ihrer Stiefmutter fliehen und er aus dem verwunschenden Brunnen trinkt. Selbst, als sie Königin wird, nimmt sie ihren verwandelten Bruder mit auf ihr Schloss. In einem anderen Märchen schlagen zwei Jäger, Zwillingsbrüder, ein Messer in einen Baum, bevor sich ihre Wege trennen. Wenn einer von ihnen in Schwierigkeiten geraten sollte, soll eine Seite der Klinge zu rosten beginnen. Im Verlauf der Handlung müssen sie sich gegenseitig von diversen Flüchen befreien.

Aber auch unangenehme Geschwisterbeziehungen sind vertreten: Stiefgeschwister stehen in Märchen fast immer in einem tödlichen Konkurrenzkampf zueinander. Dieses Recht haben sie allerdings nicht für sich alleine gepachtet: Im Märchen „Dreiäuglein, Zweiäuglein und Einäuglein“ schließen die älteren Geschwister das jüngste aus, weil es nur ein Auge hat, anders als der Rest der Familie. 

Spaßgeschichten

Und dann gibt es natürlich noch die Märchen, die einfach nur da sind, um ein paar Lacher aus den Zuhörern herauszukitzeln. „Das Märchen vom Schlauraffenland“ zum Beispiel, ist purer Nonsens, und das mit voller Absicht. Und auch die sehr kurze Geschichte vom „Mädchen von Brakel“ ließt sich eher wie ein Witz. Die Komik entsteht aus offensichtlichen Dummheiten, die die Charaktere begehen (Die Tür abschließen und dann denken „Hm, sicherer wäre die Tür doch, wenn ich sie mitnähme“ und in Folge die Tür abmontieren), oder einer Person, die alles wortwörtlich nimmt (Jemandem „schöne Augen zu zuwerfen – also, wirkliche Augen, die man zuvor einer Kuh ausgestochen hat).

Aber selbst in diesen Spaßgeschichten steckt manchmal noch eine kleine Moral: In „Das Lumpengesindel“ zum Beispiel, verhalten sich ein Huhn und ein Hähnchen in dem Wirtshaus, in dem sie übernachten, extrem undankbar und unhöflich. Das Märchen endet damit, dass der Wirt sich vornimmt „kein Lumpengesindel mehr ins Haus zu lassen, dass viel verzerrt aber nichts bezahlt“. Darin steckt wohl eine kleine Warnung, nicht jedem blind zu vertrauen und auch zu erwarten, von Zeit zu Zeit über den Tisch gezogen zu werden.

Auch in einer Geschichte, in der eine Bratwurst, eine Maus und ein Spatz eine Wohngemeinschaft gründen geht es um mehr als nur diese absurde Ausgangssituation. Jeder der drei Mitbewohner hat seine speziellen Aufgaben im Haushalt, die sie aber im Laufe der Geschichte untereinander tauschen. Dies führt zu heillosem Chaos und dem Fazit, das jeder bei seinen eigenen Talenten bleiben sollte.

Kleine Dinge, die mir aufgefallen sind

Wieso findet es niemand komisch, dass die Königstochter in „Der Froschkönig“ selbst zur Tür geht, als es klopft? Das wird ja wohl nicht die Standardprozedur bei Hofe gewesen sein. Ein weiterer Punkt, an dem man erkennen kann, das Märchen aus dem Alltagsleben der Menschen, die sie erzählen, wachsen: Eine Prinzessin öffnet einem Besucher zwar nicht selbst die Tür, aber eine Tochter in den meisten Familien wohl schon.

Und warum finden die letzten paar Sätze, die epilogartig an die Haupthandlung anschließen so wenig Beachtung? Ich meine nicht das „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“, sondern den letzten Fetzen Geschichte, der da manchmal noch dran hängt. „Das tapfere Schneiderlein“ zum Beispiel, endet nicht mit der Hochzeit des Schneiderleins. Vielmehr findet seine Frau danach heraus, dass er in Wirklichkeit ein Schneider ist und unternimmt noch einen Versuch, ihn wieder loszuwerden. 

Mein persönlicher Liebling ist das Ende von „Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen“: Am Ende des Märchens hat unser Held zwar das Spukschloss erlöst und die Prinzessin geheiratet, aber das Fürchten konnte ihm doch noch keiner zeigen. Das macht das Ganze für ihn zu einem eher unbefriedigenden Abschluss. Zum Glück nervt sein Gebrabbel vom Fürchten seine frisch angetraute Frau irgendwann so sehr, dass sie sich Rat bei ihrer Zimmerzofe einholt. Die clevere Zofe organisiert ihr daraufhin einen Eimer voller Flusswasser, samt kleiner Fische – Eine Ladung, die den Protagonisten endlich das Fürchten lehrt!

Märchen sind ein viel zu großes und viel zu komplexes Thema, um in diesem Blogbeitrag auch nur ihre Oberfläche anzukratzen. Trotzdem wollte ich unbedingt ein wenig über sie schreiben. Märchen sind etwas, mit dem wir uns irgendwann nicht mehr bewusst beschäftigen, und das ist schade. Zwischen ihren Zeilen gibt es so viel zu entdecken. Ich hoffe, ihr konntet mit meiner kleinen Schatzsuche der Nostalgie etwas anfangen. Wenn ihr selbst noch irgendetwas Interessantes in euren Märchenbüchern findet, lasst es mich einfach wissen!

Bis dahin, habt aber noch eine schöne Woche!

Pläne für Februar

Nachdem ich in der letzten Woche den Blogbeitrag ausfallen lassen habe, schaue ich diese Woche mal mit einem kleinen Update rein:

Diesen Februar, am 13. genauer gesagt, bin ich im Riester Dorftreff ( der „Riesterei :)“) als Gast eingeladen. Ich soll ein bisschen was über mich, meine Arbeit und mein Buch erzählen.

Am 13.2 um 19:00 werde ich dann wohl am Dorftreff an der Malgartenerstraße 12 sein.

Ich weiß nicht, wie es euch damit geht, aber ich kann auf jeden Fall sagen, dass ich mich riesig freue. Ich werde wohl auch ein bisschen etwas vorlesen und bin auf jeden Fall gespannt!

Drückt mir die Daumen! Habt eine schöne erste Februarwoche!

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