Frauke Mählmann

Autorenblog

Monat: September 2019

Die Sache mit der Wahrnehmung – Eine kleine Meinung zum personalen Erzähler

Als Autor kann man seinen Leser an viele verschiedene Aussichtspunkte bugsieren. Man kann ihn, mithilfe eines eher auktorialen Erzählers, von oben auf die Handlung blicken lassen, von wo man Zusammenhänge und Muster schneller erkennt, man kann ihn neben die Charaktere, quasi auf Augenhöhe verpflanzen, aber dennoch die Distanz waren, oder aber, man weist ihm einen Platz mitten im Bewusstsein einer Figur zu und lässt ihn an den Untiefen der dort ebenfalls beheimateten Gedanken teilhaben.

Wie ich bereits in einem früheren Beitrag erwähnt hatte ( hier ), ist letzteres, zumindest meinem Empfinden nach, im Moment ziemlich in Mode. Das ist nichts Schlechtes, im Gegenteil, Bücher mit einem solchen Erzähltypen lassen sich für mich sehr angenehm lesen, ich habe gerne ein bisschen Einblick in die Psyche von Charakteren und schreibe auch gerne selbst so. Ich finde, es zieht einen mehr in die Geschichte hinein. Wenn es richtig gemacht wird.

Und da kommt der Knackpunkt.

Wie, bitte, macht man es richtig????

Tatsache ist: Ich weiß es nicht. Gerade bei so kreativen Sachen wie Schreiben ist „richtig“ oder „falsch“ oft eher so ein vages Ding, dass lose in der Luft schwebt. Was einigen richtig vorkommt, stößt andere vielleicht eher ab, die Natur hat uns allen verschiedene Vorlieben mitgegeben – Ich bin kein Fan von klischeehaften Romanzen, andere horten derartiges geradezu zuhause. In diesem Sinne kann ich an dieser Stelle nichts weiter anbieten als meine Meinung. Und wie man aus dem Titel vielleicht schon herauslesen konnte, werde ich das auch tun.

Eine Gefahr, die sich in der Arbeit mit dem personalen Erzähler verbirgt, ist, sich in den Gedankengängen zu verlieren und über die innere Handlung komplett die äußere zu vergessen. Zugegeben, das muss nicht unbedingt ein Problem sein, je nach Schreibstil oder Literaturgattung ist es eventuell sogar gewünscht  – dieses Überwiegen der inneren Handlung ist zum Beispiel ein oft wiederkehrendes Merkmal von Kurzgeschichten – , aber in längeren Erzählungen wie Büchern kann es ermüdend werden und den Leser langweilen. Wenn Seitenlang nichts wirklich voran geht und der Protagonist nur vor sich hingrübelt und ansonsten nichts passiert, verlischt auf Dauer das Interesse.

Ein weiteres Problem liegt darin, dass man leicht in die Falle tappt, seinem Publikum alles, was in den Charakteren vorgeht, zu offensichtlich aufs Tablett zu legen. „Show, don`t tell“, lautet eine oft zitierte Devise, und wenn man die Gedanken der Figuren vor dem Leser ausbreitet, verheddert man sich leicht darin, jede einzelne Regung einfach aufzuschreiben, anstatt sie anderweitig deutlich zu machen. Manchmal ist es besser, nicht alles genau aufzuschreiben, sondern nur die Spuren zu legen. Immerhin, vielleicht ist der betreffende Charakter selbst sich ja nicht über sein Innenleben im Klaren? In diesem Fall können die Leser selbst zusammenpuzzeln, was genau hinter diesen Spuren steckt und erhalten so vielleicht eine bessere Idee von der Persönlichkeit der Figur – weil sie sich selbst ein Bild gemacht haben, und nicht vom Autoren/der Figur gesagt bekommen haben, wer diese ist. Echte Menschen können manchmal nur schwer benennen, was sie ausmacht, während ihre natürlichen Gedankengänge, Handlungen und Aussagen das einem Außenstehenden offensichtlich machen können – warum sollte es bei  Buchfiguren anders sein?

Beide Schwierigkeiten sind Dinge, die mir selbst immer wieder ins Manuskript rutschen, und an denen ich noch feile. Aber jetzt zu dem Punkt, der mich am meisten am personalen Erzähler fasziniert: Die Möglichkeiten.

Ich finde, dass viel zu selten davon Gebrauch gemacht wird, dass man im personalen Erzähler die Welt durch die Augen einer bestimmten Person sieht. Verschiedene Menschen haben oft eine sehr unterschiedliche Wahrnehmung von der Welt – und wenn man in seiner Geschichte von Zeit zu Zeit den Charakteren wechselt, aus dessen Sicht man schreibt, kann man meiner Meinung nach tolle Dinge damit machen – und sollte es auch tun! Vielleicht gibt es einen hektischen, immer übereiligen Protagonisten, dem Dinge entfallen oder gar nicht erst auffallen? Dann existieren diese Dinge in seiner Wahrnehmung auch erstmal nicht, also bekommt der Leser, der in dessen Kopf sitzt, auch nichts davon mit. Du möchtest aber, dass der Leser Zugang zu dieser Information bekommt, weil sie später wichtig werden könnte? Nun, vielleicht hat dein hastiger Protagonist einen etwas wachsameren Freund, in dessen PoV-Abschnitten diese Dinge dann wieder auftauchen. Auf diese Weise wird auch der Unterschied zwischen den beiden Persönlichkeiten stärker verdeutlicht und greifbarer.

Dasselbe gilt, wenn man einem Charakter eine politische Überzeugung geben will, aber Einseitigkeit fürchtet: Wenn man es schafft, zwei Charaktere mit gegensätzlichen Ansichten gleich überzeugt zu schreiben, dann wiegen sich ihre Argumente ganz natürlich gegeneinander ab.

Bis zu einem gewissen Grad ist diese Idee auch in „Die Insel der drei Völker – der blaue Säbel“ eingeflossen. Folgt man Anfangs vor allem Juna und wird mit ihrer Weltsicht auf die Reise über die Insel geschickt, wird man später noch mit anderen Sichtweisen konfrontiert. Ich habe schon von Lesern gehört, die angesichts der fremden Welt, in der die Geschichte spielt, Junas Meinung für Fakten gehalten haben und dann von späteren Szenen überrascht wurden. Das ist ein Punkt, an dem sich die Meinungen spalten können. Man könnte sagen, dass dies ein Zeichen dafür ist, dass für die spätere Szene nicht die richtige Vorarbeit geleistet wurde, aber ich denke nicht so. In „der blaue Säbel“ fallen wir mit Kira in eine Welt, die wir so auf Anhieb nicht ganz verstehen können, und Juna ist die erste, die sie uns erklärt – Junas Ansicht ist erst einmal wie die einzige Rezension unter einem beliebigen Amazonartikel, den wir selber noch nicht ausprobiert haben. Wir glauben es vorerst – bis wir es vielleicht selber kaufen, und bemerken, dass das Ding vielleicht doch nicht ganz so gut/schlecht ist wie behauptet. Dass diese fiktive Realität, die sich von der Meinung des fiktiven Erklärers unterscheidet, überrascht, halte ich also für natürlich und für ein Zeichen, dass Junas Sicht und das Innere ihres Kopfes gut zwischen den Zeilen herübergekommen ist.

Auf etwas andere Art experimentiere ich momentan mit dem personalen Erzähler in einer meiner Wattpadgeschichten herum (dieser hier um genau zu sein, „Batsong“, falls jemand mal reinlesen möchte). Meine Wattpadgeschichten sind für mich generell Orte, an denen ich ein wenig herumspielen und ausprobieren kann (Also dass, was ich mich in meinen „richtigen“ Büchern nicht traue), und so ist es auch hier der Fall. Der Hauptcharakter in „Batsong“ ist Jess, die zum Anfang, um ehrlich zu sein, recht Ich-bezogen ist. Vieles, dass in ihren engen Bekannten oder Freunden vorgeht nimmt sie nicht wirklich wahr, und dementsprechend entgehen ihr zum Beispiel Regungen in der Mimik anderer Charaktere, die ich normalerweise beschreiben würde, um dem Leser auch Informationen über diese Nebencharaktere zu geben oder zu verdeutlichen, wie nahe sich einzelne Personen stehen und wie gut sie sich kennen. Aus Jess Perspektive fällt das weg. Von Zeit zu Zeit fällt ihr zwar etwas auf, aber sie ist nicht in der Lage, es richtig einzuordnen und denkt normalerweise nicht lange darüber nach. Der Leser kann diese Kleinigkeiten, die Jess für nicht wichtig hält aber mit den Informationen, die er aus anderen Abschnitten, die aus der Sicht von Nebencharakteren geschrieben sind, erhält, aber für sich selbst einsortieren und hat so trotz ihrer eingeschränkten Wahrnehmung auch ein umfassenderes Bild vom Geschehen. Quinn, der unsichtbare Junge, der sich in der Nähe von Jess bester Freundin herumtreibt, ist zum Beispiel ein guter Beobachter, der die Menschen um sich herum genauer studiert und den Leser auch daran teilhaben lässt. (Zumindest hoffe ich das – wie gesagt, Wattpad ist ein wenig wie mein Experimentierlabor was das Schreiben angeht)

 

 

So, das hätten wir geschafft. Danke für das Lesen meiner kleinen Ausführung. Habt ihr eine Meinung zu dem Thema? Wenn ja, lasst es mich gerne wissen!

 

Aber auch ansonsten, eine wunderschöne erste Oktoberwoche!

Schreiborte

Wenn man über den Entstehungsprozess von Büchern und Geschichten spricht, geht es oft um das „Wie“, das „Warum“, vielleicht auch um das „Wann“ und „Wie lange“, aber etwas, dass meiner Meinung nach auch etwas Aufmerksamkeit verdient, ist das „Wo“.

Einfach, weil die Antwort auf das „Wo“, also, wo man sein Buch schreibt, ungefähr genauso vielfältig ist wie die Schreibstile der Autoren selbst. Trotzdem habe ich mal ein paar häufig vertretene „Schreiborttypen“ zusammengetragen. 

Es gibt Autoren, die, um sich vernünftig auf ihr Werk konzentrieren zu können, eine gut geordnete Umgebung brauchen und auch alles in allem sehr organisiert arbeiten. Ihr Arbeitsplatz ist im Normalfall gut aufgeräumt und sauber, vielleicht ergänzt durch eine Pinnwand mit Notizen zu ihrer Geschichte oder einem Plot-Plan, um auch dort den Überblick zu behalten.

Am wichtigsten ist, dass man sich an seinem Schreibort wohlfühlt, was von Person zu Person natürlich vollkommen unterschiedliche Dinge bedeutet. Für Manche bedeutet das, im Gegensatz zum letzten Beispiel, eine leichte Unordnung, ein „kreatives Chaos“, in dem die Inspiration besser fließt.

Wieder andere ziehen sich zum Arbeiten bevorzugt in eine vorübergehende Isolation zurück. Um Buchstaben aufs Papier zu bringen, brauchen sie vor allem Ruhe. Vielleicht hat man in so einem Fall ein kleines Büro extra für das Schreiben, dass man abschließen kann, um sich vor unwissenden Störenfrieden zu schützen? Oder geht man, wenn man Geld hat, vielleicht sogar noch ein Stück weiter und verschwindet zum Schreibmarathon in irgendein abgelegenes Ferienhaus? Egal wie, Hauptsache, man denkt daran, das Handy auszuschalten.

Eine Sache, die man vor allem in Filmen, Serien oder Büchern häufig sieht, ist der Autor, der im Cafè schreibt. Die Idee hier ist, vermute ich zumindest, dass man an so einem belebten Ort besser Inspiration für sein Buch findet – und natürlich, dass man neben her noch essen kann.

Ziemlich damit verwand, aber doch noch ein bisschen mehr an die Freunde der Stille gerichtet ist ein Tipp gegen Schreibblockaden, der mir einmal in einem Ratgeber über den Weg gelaufen ist: Man könne sich zum Schreiben ja in eine Bibliothek begeben. Für einen Buchfan ist das auf jeden Fall eine super Atmosphäre, in der einem das Arbeiten sicher leichter fällt.

Und dann gibt es da noch die Leute, deren Arbeitsplatz immer da ist, wo sie gerade sind: Im Zug, im Bus, im Park, in der Cafeteria oder ganz woanders.

Natürlich ist der Schreibort nicht nur dadurch bestimmt, wo man ist, sondern auch durch andere Dinge. Vielleicht hat sich bei dem ein oder anderen ja die Gewohnheit eingeschlichen, beim Schreiben immer eine Tasse Tee zu trinken, oder sich Dinge in einem bestimmten Notizbuch zu notieren. Oder man schreibt zu bestimmten Zeiten: Genau im Zeitplan oder dann doch irgendwie immer um 3 Uhr nachts kurz vorm Umfallen. Möglicherweise braucht man seine Playlist oder den Fernseher im Hintergrund.

Ich persönlich schreibe hauptsächlich zuhause, auf meinem Schreibtisch, wo ich Ruhe habe und diverse Notizbücher und meine Zettelsammlung am Kleiderschrank, über die Informationen und Planungen verstreut sind.

Ich kann allerdings auch überall anders schreiben und tue das auch, wenn es passt, solange ich die Gewissheit habe, dass mir der Laptop nicht vom Schoss geschlagen wird.

Und ihr?

 

Eine schöne Woche noch!

 

 

 

 

Frauke Mählmann Shorts – Der Geist in der Flasche

Schatten kringelten sich in dem Glas, dass vor der Nase von Robb Blake seit geschlagenen zehn Minuten unangerührt auf dem Bartresen ruhte. Der Anblick jagte ihm einen Schauer über den Rücken, aber er konnte seinen Blick nicht davon lösen. Er war sich nicht ganz sicher, wie viel davon sich in seinem Kopf abspielte. Er war sich mit gar nichts mehr sicher. Nicht nach heute Nachmittag

Es war das verfluchte Museum. Natürlich war es das. Wie konnte ein Mensch jeden Tag acht Stunden umgeben von alten Skeletten und Schädeln arbeiten, ohne dabei irgendwann Geister zu sehen? Das würde es sein. Dieser Ort war es, der ihn um seinen Verstand brachte. Er wünschte sich, seine Cousine Betty wäre nicht mit dem Museumsdirektor verschwägert und hätte ihm nie dieses Jobangebot gemacht.

„Wie sind uns doch wohl einig“, Jack Ansmann, Robbs Kollege, schwenkte mit gerunzelter Stirn sein zweites Glas Whisky im Kreis, „dass wir das, was wir gesehen haben, gar nicht gesehen haben können, richtig?“

Richtig. Schatten verwandelten sich nicht in Schlangen mit Menschengesichtern. Er nickte, ohne seinen Blick vom Glas zu heben. Eine der Schattenhände darin schien ihre Finger nach ihm auszustrecken.

„Also haben wir es auch nicht gesehen.“, murmelte Jack weiter vor sich hin, „wir können es nicht gesehen haben, wir haben es nicht gesehen. Ich habe beim letzten Trainingskampf einen heftigen Schlag abbekommen, dass ist alles. ja?“

Klang sinnvoll, zumindest in Robbs Ohren. Sie hatten beide halluziniert. Dasselbe. Zufällig. Sein Magen krampfte sich zusammen. Seltsame Zufälle gab es heutzutage.

„Ich werde mal zum Arzt gehen damit“, Jack setzte sein Glas an. Seine Finger zitterten, und die meiste Flüssigkeit lief ohne Nutzen sein Kinn herunter und tropfte auf seinen Anzug.

Halluzination. In dem Wort lag so viel Sicherheit, dass Robb es in seinem Kopf noch ein paar Mal wiederholte.

Halluzination. Halluzination. 

Er musste raus aus dem Museum. Egal, dass ihn das zum wiederholten Mal seinen Job kosten würde. Nie wieder würde er einen Fuß in dieses verfluchte Haus setzen.

Jack bestellte ein weiteres Glas.

Robb Blake würde am nächsten Morgen wie immer auf der Arbeit erscheinen. Jack Ansmann würde nicht zum Arzt gehen.

 

Und im Museum war schon lange das Chaos ausgebrochen.

 

 

 

 

 

Eine schöne Woche noch!

Ende der Buchverlosung

Zugegeben, die Buchverlosung an sich ist schon seit längerem vorbei, einige der Gewinner haben sich aber trotzdem noch die Zeit genommen, mir ihre Ansichten und Meinungen mitzuteilen.

 

Großes Dank nochmal an alle, die daran teilgenommen haben! 

Ich kann nur noch einmal betonen, wie viel Spaß mir diese Lovelybooksaktionen machen und für wie wichtig ich diesen Austausch mit den Lesern halte.

Ich habe auch dieses mal einiges an wertvoller Rückmeldung erhalten, dass mir sicher helfen wird, meine zukünftigen Schreibarbeiten zu verbessern.

 

Nur um euch alle wissen zu lassen, dass ich in der Tat noch da bin, nachdem ich letzte Woche ja nicht zum posten gekommen bin.

 

Eine schöne Woche!

© 2019 Frauke Mählmann

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