(…) was in Stein gemeißelt worden war, durften spätere Generationen nicht auslöschen. Nur Ergänzen.

Die Insel der drei völker – der blaue Säbel, S.305

Auf der vergleichsweise kleinen Insel „Jenseits der Träume“ leben drei verschiedene Bevölkerungsgruppen recht eng beieinander – ihre Hauptsiedlungen liegen nicht viel weiter als ein oder zwei Tagesreisen auseinander, von der Geschwindigkeit des Reisenden und seinem Willen, ans Ziel zu kommen, anhängig.

Trotzdem hat sich in jeder dieser drei Siedlungen über Jahrhunderte hinweg eine Gesellschaft entwickelt, deren Kultur, Wertvorstellungen und Traditionen zwar im Kontext zu den jeweils anderen stehen, aber dennoch eigenständig voneinander sind. Das gilt vor allem für die Meerjungfrauen, die als einziges der drei Völker nicht zur Gruppe der Elfen gehören, im allgemeinen über ein tendenziell verschlossenes Naturell verfügen und geographisch durch ihren Lebensraum in der Bucht abgeschottet sind.

Eine dieser speziellen Eigenarten, die die Bewohner von Walla a Leua tief in ihrer Kultur verwurzelt haben, ist ihre Art mit Schriftzeugnissen umzugehen.

Nun, es ist nicht so, als würden sie Akten oder Bücher sammeln, denn in der Dunkelheit ihrer Heimat ist beschriebenes Papier ungefähr genau so wertvoll wie Feuerholz – was für eine Spezies, die gelinde gesagt, allergisch auf Hitze reagiert, ziemlich nutzlos bedeutet. Stattdessen haben sie schon in sehr früher Zeit angefangen, ihre Geschichten und Erlebnisse, alles, was die Mühe wert schien, in die Steinwände ihrer Behausungen zu ritzen – und zwar in großen Zeichen, damit ihr erstaunlich genauer Unterwassersinn, der Schwingungen in der Luftschicht um sie herum wahrnimmt und daraus ein Bild ihrer Umgebung herstellt, die Buchstaben erfassen konnte. 

Viel Interessanter ist jedoch, dass sie, an irgendeinem Punkt ihrer Geschichte, ein Gesetzt aufstellten, dass es ihnen verbot, irgendeine dieser Aufzeichnungen zu vernichten. Wieso, das hat keiner aufgeschrieben oder weitererzählt, aber es geht wohl darauf zurück, dass es einen allgemeinen Konsens unter den Meerjungfrauen darüber gab , dass Informationen über die Vergangenheit zu wichtig waren, um verloren zu gehen, und in Ehren gehalten werden sollten. Anfangs war es nur eine Regel unter vielen, genauso wie das obligatorische Verbot, nicht zu stehlen, das wohl in den meisten Kulturen existiert, aber im Laufe der Zeit wuchs es in den Köpfen der nachfolgenden Generationen geradezu zu einem Naturgesetz heran. Die Meerjungfrauen zu Alinas Zeiten kennen nicht einmal mehr eine Strafe dafür, alte Steinzeichnungen zu vernichten, einfach, weil alleine die Vorstellung dass jemand sich zu so etwas hinreißen ließe so undenkbar geworden ist.

Unter genau diesen Umständen ist eines der bedeutendsten Stücke der merjuanischen Literatur entstanden: Der sogenannte „Zyklus der Äonen“.

So ziemlich jede Meerjungfrau in Walla kann zumindest Ausschnitte dieses Brockens an Dichtkunst auswendig aufsagen, und Teile des Stückes sind über die ganze Stadt verteilt, in mehrfacher Ausführung. Spricht eine Meerjungfrau vom „Zyklus“ ist es allerdings am wahrscheinlichsten, dass sie damit auf die große Mauer auf dem Marktplatz, auf der er in voller Länge eingraviert ist, anspielt.

Der „Zyklus“ hat keinen bestimmten Autor. Er besteht vielmehr aus einer Sammlung von Dichtungen, die durch die verschiedensten Epochen hinweg von unterschiedlichen Meerjunfrauen verfasst wurden. das bedeutet, dass er als gutes Zeitzeugnis für über tausend Jahre von Wallas Geschichte taugt – er zeigt, was die Buchtbewohner all dieser Zeiten beschäftigte und bewegte, und wie sie damit umgingen. Nicht selten sind daher auch eine oder mehrere Passagen nicht mit dem aktuellen Weltbild oder der aktiven Politik des Königshauses kompatibel… So findet sich einige Verse, die eine Partnerschaft mit den Lichtelfen im Süden anpreisen, in den frühen Zeilen des „Zyklus“, die vor allem zur Zeit von „Der blaue Säbel“ Unmut unter den Meerjungfrauen erregten. 

Obwohl man nichts herausstreichen darf, ist der „Zyklus“ allerdings nicht vor Kommentaren geschützt. Denn Ergänzen, das ist im antiken Gesetz ausdrücklich erlaubt, und so kommt es immer wieder vor, dass man in den Gassen Walla a Leuas an Versionen der Sammlung vorbeistreift, die mit Kommentaren, persönlichen Meinungen oder schlicht Geschmiere gerade zu zugebaut sind… Der Originaltext bleibt jedoch  immer weitgehend erhalten.

 

Nur an die große Wand am Markt, an die traut sich wirklich kaum jemand heran… 

Aber schließlich gilt auch für das Geschmiere: Es ist in Stein gemeißelt. Es bleibt, denn keine Meerjungfrau würde jemals Hand daran legen.

Und wer würde schon wollen, dass irgendein wütender Kommentar, den man nachts um drei auf dem Nachhauseweg von sonst irgendwo her neben ein Stück antike Literatur gekritzelt hat, auf ewig an einem Ort zu sehen ist, den jeder, den man kennt und jemals kennen wird oder gekannt hat beinahe täglich besucht?

 

In diesem Sinne, eine schöne Woche!

 

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