Das Erste, was ich mir anschaue, wenn ich das Zimmer einer anderen Person zum ersten Mal betrete, ist oft das Bücherregal. Ganz unbewusst wandert mein Blick dorthin und scannt die Buchrücken nach bekannten Titeln ab. Was für einen Buchgeschmack hat diese Person? Gibt es da vielleicht etwas, dass ich selber auch lese? Passt das zueinander? Es ist fast wie ein Automatismus, der sich nun einmal so eingeschleift hat. Trotzdem habe ich über eine Sache nie viel nachgedacht: Was passiert mit den Büchern, die jemand nicht mehr im Schrank haben will?

In meinem Bundesfreiwilligendienst bin ich in letzter Zeit des Öfteren über Kisten voller Bücher, die von anderen Leuten abgegeben bzw. gespendet werden, gestolpert und ich dachte, dass ich ein paar Dinge, die mir so unter die Finger kommen, mal mit euch teilen wollte:

 

Alte Schätze

Immer wieder kommen mir beim Durchsehen der Bücher Exemplare einer Reihe unter, die ich selber gerne gelesen habe, als ich jünger war. Vor ein paar Tagen erst sind mir mehrere Bänder der „Fünf Freunde“ Reihe von Enid Blyton ins Auge gefallen, und schon vor einiger Zeit habe ich unter all den Seiten die beiden „Jim Knopf“ Bücher von Michael Ende ausgegraben, die ich zwar als Kind nur einmal gelesen hatte ( für meine Verhältnisse wirklich wenig), deren Geschichte mir aber auch durch die Fernsehserie sehr in Erinnerung geblieben war. Es ist ganz schön, diese alten Freunde noch einmal aufzuschlagen und ein paar Zeilen zu lesen, aber auch Schade – irgendjemand hat sie schließlich gerade aussortiert.

 

Unbekanntes

Immer wieder stoße ich auch auf Bücher, die ich nicht zuordnen kann, weil ihnen der Schutzeinband mit dem Cover fehlt oder kein Klappentext vorhanden ist. Wenn ich trotzdem wissen will, was sich darin verbirgt, lese ich normalerweise schnell in das erste Kapitel hinein. Das ist dann ein bisschen wie Buch-Roulette: Manchmal verbirgt sich hinter einem Einband, der sich weigert, irgendetwas über den Inhalt preis zu geben, eine alte Märchensammlung, die ich nur ungern wieder bei Seite lege, oder aber zäh fließender Text ohne jeden Entertainmentwert. Man weiß es nie.

 

Aussagekräftige Kombinationen.

Die Bücher werden meistens in größeren Mengen abgegeben, das bedeutet, dass die Bücher, die sich eine Kiste teilen, im Normalfall aus dem selben Haushalt stammen. Das ist in den meisten Fällen kaum auffällig – viele Kisten sind gut gemischt und enthalten verschiedene Richtungen, auch wenn in manchen die Groschenromane dann doch etwas zu stark vertreten sind für meinen Geschmack. Einige andere aber sind derart penetrant mit Büchern einer bestimmten Richtung gefüllt, dass ich mich frage: Wem hat das bitte vorher gehört? Eine der Kisten bestand beinahe ausschließlich aus Ratgebern darüber, wie man durch Egoismus ein glücklicherer Mensch wird. Ich meine, wer besitzt bitte so viele Lebensratgeber? Geht es der entsprechenden Person gut? Und vor allem, funktioniert es????

 

Die ganz schrägen Funde

Im Grunde gehört dieses kleine Beispiel immer noch zur oberen Kategorie. Da es mir aber so besonders im Gedächtnis geblieben ist, würde ich sie gerne noch einmal besonders hervorheben: Eine der Kisten ist beinahe ausschließlich mit alten Science-Fiction Büchern gefüllt. Das an sich fand ich schon interessant genug, da in diesen Büchern teilweise mit Technologien, über die wir selbst heute noch nicht verfügen, so „einfache“ Dinge wie die erste Mondlandung angestrebt werden. Ich fand es wirklich faszinierend, über diese Geschichten noch einmal von unserem heutigen Blickwinkel her drüber zuschauen. Viel spannender war dann aber noch, von wo die Bücher stammten: Fast alle der Bücher in der Kiste  wurden zur Zeit des kalten Krieges in Osteuropa geschrieben, was man ihnen auch deutlich anmerkte. Die politische Überzeugung war kaum hinter den Zeilen versteckt, vor allem, weil es ja in der Natur der Science-Fiction liegt, einen zukünftigen Punkt als Handlungszeitraum auszuwählen und diesen den eigenen Vorstellungen entsprechend zu gestalten – und für ein Buch aus der sowjetischen Einflusszone musste diese Zukunft vermutlich den Untergang des Kapitalismus und ein Aufleben des Kommunismus skizzieren. Die Bücher auf diesen politischen Komponente  hin zu untersuchen war beinahe genau so unterhaltsam, wie den erträumten technischen Fortschritt mit dem Tatsächlichen zu vergleichen. ( Der Geschichts-LK lässt sich wohl doch nicht so einfach abschütteln, die geistige Quellenkritik war schon geschrieben). Eine schräge Mischung, die mir so noch nicht untergekommen war, weil solche Bücher aus vielen verständlichen Gründen nicht im Buchhandel stehen.

Erst nach und nach bin ich beim Durchschauen auch auf Bücher, die auf Werken von amerikanischen Autoren wie Steven Spielberg beruhten, gestoßen. 

Bei dieser Kiste, genau wie bei der vorherigen, habe ich das Gefühl, dass diese Ansammlung von Büchern selbst eine Geschichte erzählen. Nicht die, die in ihren Seiten enthalten ist, sondern vielmehr, eine Geschichte von der Person die sie einmal besessen hat, die sich dazu entschied, diese spezielle Kombination an Büchern zu kaufen und in ihr Regal zu stellen, und die sie dann aber irgendwann wieder abtrat. Es ist wie der Blick ins Regal, den ich zu Anfang erwähnt hatte, nur, dass der Blick ins Regal eine Momentaufnahme ist und  diese abgegebenen Kisten wie ein verschlüsselter Flashback.

Sie erzählen uns etwas darüber, wer diese unbekannte Person war, zumindest für eine Zeit ihres Lebens. Nämlich zum Beispiel jemand, der aus irgendeinem Grund „Leitfäden zum Glück“ in großen Mengen besessen hat, jemand, der vielleicht mit viel Einsatz nach eben diesem Weg zum glücklichen Leben gesucht hat oder aber auch jemand, der sich einfach sehr für diese spezielle Thematik interessiert hat, möglicherweise aus wissenschaftlichem Interesse. 

Und manchmal, ja, manchmal könnten diese Kisten auch größere Bewegungen in der Gesamtgeschichte wiederspiegeln – wie etwa amerikanische Science-Fiction Bücher, die auf einmal in einem Meer von osteuropäischen Exemplaren desselben Genres auftauchen.

 

Aber wer weiß das schon? Ich sicher nicht. Ich blättere nur die Seiten zwischen alten Einbänden um und gerate ins Spekulieren. Aber ich hoffe, dass, wer immer diese Personen waren, sie glücklich mit ihren Büchern gewesen sind. Dass die Ratgeber geholfen haben, dass die Reisen der Kosmonauten und Astronauten, oder wie auch immer man sie nennen will, den Leser mitreißen konnten und ihr Geld wert waren, und dass all die alten Kinderbücher irgendwo jemanden genauso glücklich gemacht haben wie mich, als ich jünger war.

 

Und ich frage mich, was für eine Geschichte meine Bücherregale erzählen, wenn man sie eines Tages aus einem Haus herausschafft, in dem sie nicht mehr gebraucht werden.

 

 

 

Was erzählen eure Bücherregale, was denkt ihr? 

Eine schöne Woche!

 

 

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